Zoe L.
Historische Romane von Grenzgänger* innen
Von den Ländern des Nordens über Flüsse und Meere hinunter bis ins Byzantinische Reich
Illusion Geschichte
Willkommen in einer Welt voller Tatsachen
Was zeichnet Geschichte aus?
Mittelalterwelten entstehen durch aufgeschriebene Texte und Farbdrucke in Klöstern.
Unter Restriktionen der jeweiligen Herscher*innen.
Eingefärbt mit individuellen Glaubensvorstellungen
und Zielen der Schreibenden,
haben es einige der unzähligen vergangenen Menschenleben
in die Geschichtsbücher der Gegenwart geschafft.
Ob als Verräter*innen oder Held*innen
entschied/entscheidet - damals wie heute - meist die Presse.
Nicht in Verlagshäusern,
sondern in Klöstern.
Doch wo bleiben jene, die nicht einzuordnen sind?
Meine Romane handeln von Grenzgänger*innen.
Zwischen Heldentum und Mord
Innen- und Außenwelt
Mann und Frau
Textschnipsel 1
Arwen
Das Kerlchen hatte sich gut von den Verletzungen erholt und wich mir seither kaum von der Seite. Zuerst hatte ich ihn nicht einstellen wollen, er war stumm und auch sonst sehr langsam in seinen Handlungen. Aber die Schalkhaftigkeit mit der er mir seine Meinung in wilden Handbewegungen kundtun wollte, brachte mich zum Lachen. Zudem bemerkte er Dinge, die anderen verborgen blieben. Als er durch Zeichen mitzuteilen verstand, dass einer der Bauern mir bei den Abgaben einen faulen Sack mit Weizen untergeschoben hatte, stellte ich ihn als Stallburschen ein. Es war gut, jemand zu besitzen, der mir treu wie ein Hund ergeben war. Auch ungekämmt.
Aydith
"Letzte Woche brachte ein Bote den Befehl, ich solle unverzüglich zu dir zurückkehren! Durch die Wikinger sind die Klöster nicht mehr sicher.“ Ihre Augen wurden feucht.
„Reiß dich zusammen.“
„Ich reiße mich immer zusammen, wenn ich dir gegenüberstehe, Eadric.“
„Dann reiß dich besser zusammen! Der König zwang mich, die Urkunde zu unterschreiben, die dir den Süden Tameworthys als Besitz übereignet!“
„Ja, darum habe ich ihn damals gebeten.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich brauche Landbesitz. Als Verstoßene vor dem Gesetz fällt Shrewsberie, wenn du keinen Erben in die Welt setzt, an den König zurück.“
Ich sah sie an. Lange. War geneigt, ihr in dieser Sache zu glauben. „Wo ist Godwines Balg?“, fragte ich in ihr sauberes Gesicht hinein. In dem etwas war, das ich nicht kannte.
„Es ist … gestorben.“
Siward und Collin
Erst da sah ich den Mann, der aus dem Schatten der Tür trat, diese aufzog und verschwand.
„Siward“, krächzte ich. Natürlich hörte er mich nicht.
„Siward!“ Ich stürzte zur Tür. Die Knie gehorchten kaum. Ich musste ihn aufhalten!
„Eadric! Wo willst du hin?“
„Entschuldigt mich einen Moment, mein König. Ich muss zu den Pferden!“
Aethelred betrachtete mich, als wäre ich nicht ganz richtig im Kopf. „Schicke einen Diener, Hundredman! Ich brauche dich hier!“
Damit stand er auf und rief mit lauter Stimme durch meine Halle: „Es wird Zeit, dass wir uns mit der Verteidigung der englischen Küsten befassen!“ Lauernd schweiften die königlichen Augen über seinen Witan, anscheinend auf der Suche nach einem, der ihm eine Lösung aus dem Dilemma präsentierte.
Verzweifelt hetzten die Augen zur Tür. Ich musste einen Sklaven nach Collin schicken. Der musste dann versuchen, Siward zurückzuholen.
Textschnipsel 2
Edmund
Edmund straffte sich, blickte auf die unzähligen Männer da unten, die jene weite Ebene zwischen den beiden Hügeln und dem Wald füllten. Sicher zehnmal so viele wie seine eigenen.
„Knut ist bereits König!“ Er ruckte das Kinn in Richtung des Lagers
am Fuße der Hügelrückseite.
Drei Tage hatte er dort unten mit seinen Männern gewartet, ob durch die vier Kundschafter, die er in die umliegenden Dörfer geschickt hatte, Männer kamen, um für ihn zu kämpfen. Stattdessen hatten jene unvorsichtigen Boten offenbar Thorkells Jomswikinger hergeführt.
„Mein Land hat sich entschieden!“, sagte er bitter. „Ich fliehe keinen Fuß mehr!“
Thorkell
Das Fell von Thorkells riesigem Pferd dampfte in der Staubwolke. Gnadenlos trieb er sein schwarzes Tier mit den kräftigen Fesseln vorwärts. Schwarz wie sein Umhang, seine Leinenhosen, das Hemd und das Dutzend Rabenkrähen, das schon seit Tagen über ihm flog, sich zankte, ihn mit seinen kreischenden Kommentaren anfeuerte und mir die Nerven aufrieb. Wenige wagten es, Thorkells Fragen nach Edmunds Verbleib nicht oder mit einer Lüge zu beantworten. Sein Anblick war noch furchterregender als sein Ruf. Und die Erfahrungen mit seinen Jomswikingern vor fünf Jahren hatten sich tief in die angelsächsischen Köpfe eingebrannt.
Eadric
Vermehrt sich die Zahl des Gegners etwa wieder? Mit Grausen dachte ich an Penne. Ob Thorkell recht hat? Ob der Christengott tatsächlich mitkämpft? Aber warum hält Thor sich dann zurück? Und Odin? Wo waren die denn bei Penne gewesen?
Vor uns gellten Schreie. Etwa von Jomswikingern? Immer lauter redete ich mir ein, dass ich, gut geschützt in der Mitte meiner Männer, schon irgendwie durchkäme.
Plötzlich wuchs ein Graubart mit gefletschten Zähnen vor mir aus der Erde. Mein Entsetzen stieß ich ihm mit dem Sax in die Brust. Er fiel nicht. Ich zog zurück, stach noch einmal zu. Aber der Mann hielt sich immer noch kerzengerade und stierte mir ins Gesicht.
Textschnipsel 3
St. Brictius Tag
„Du wirst deine Schadenfreude brauchen, Eadric!“ Edmund hustete, drehte an seinem Bischof herum.
Mein Hochgefühl verflog. Kam jetzt das, was ich wissen sollte? Unruhig rutschte ich auf dem Stuhl zurück, ließ ihn nicht aus den Augen.
„Durch die Ermordung der Dänen damals“, der Prinz zögerte kurz, „hat Vater eine Schuld auf dieses Land geladen, die durch keine Flotte der Welt getilgt werden kann. Letzte Woche schickte er Herolde nach Norden und Süden. Um zu verkünden, dass Berater seines Witan ihm zu dem Massaker geraten hätten. Besonders einer ...“ Die grauen Augen sahen mich an. „Berater?“
„Du.“
„Ich?“ Ungläubig stieß ich den Stuhl zurück und stand. „Ich habe …?“ Wie ein Kristall streute der Schmerz seine Kälte in mir aus.
König Aethelred
Das also ist er.
Kein Mann mit wallender Mähne unter einem wild bespickten Militärhelm, der an Alexander den Großen erinnerte! Auch kein Hüne, der vor Ungeduld zitternd die Welt erobern wollte. So wie es die Bildnisse auf der einen Seite der englischen Silbermünzen versprachen.
Doch ebenso wenig glich er dem Heiligen auf den restlichen Münzbildnissen, der seine Hand dramatisch aus den Wolken herab schwenkte, um seinem Volk zuzuwinken.
Er kam noch näher.
Das Alter beherrschte noch kaum seine Bewegungen. Trotzdem fehlte die Anmut.
Knut
„Kein Bedarf!“ Knuts Finger schnippten durch die Luft.
„In welchen Kämpfen sollen deine Helden ihre Kräfte erprobt haben?“
„Vor zwei Jahren, Herr! Gegen Euren Vater.“
„Hast du den Prinzen mitgebracht?“ Die Frage glich einem spöttischen Zischen.
Entgeistert blickte ich ihn an. Für einen Moment wusste ich tatsächlich nicht, wen er meinte.
Die Säume seiner Seidenscyrte, an denen geflochtene Borten angenäht worden waren, schienen Funken durch die Dunkelheit des Zeltes zu sprühen.
„Also nein. Schade! Der Mann scheint ein guter Soldat zu sein, wenn die sieben Bezirke ihn als neuen König anerkennen. Ich würde ihm einen Platz in meiner Armee anbieten!“ Um Knuts Handgelenk klingelte es.
Dieser Mann wird also der neue Herrscher über Angelsachsen und Wikinger. Nein, nicht werden. Im Kopf habe ich ihn schon dazu gemacht.
Knuts Stimme wurde scharf. „Sieh dich um. Ich habe genug Männer, die mir die Haare vom Kopf fressen. Wie will deine Meute sich ernähren? Ist sie bereit, mit uns auf Raubzug zu gehen und ihre eigenen Landsleute zu bestehlen? Zu töten? In meinem Heer habe ich keinen Platz für die angelsächsisch höflichen Manieren.“